Discografie

Nils Fischer & Timbazo - Gracias Joe Cuba ****

Dezember 2007

CD - Besprechung von »Michael Peters


Ihr habt bestimmt schon bemerkt, dass ich sehr enthusiastisch Salsa-Neuerscheinungen aus Deutschland bespreche - ja ein bisschen Lokalpatriotismus muss sein. Zumal sich deutsche Salsa-Produktionen international überhaupt nicht mehr verstecken müssen. Heute haben wir es wieder mit einem Deutschen zu tun - er ist sogar der Bandleader. Allerdings lebt der in Bremen geborene und aufgewachsene Nils Fischer nicht mehr in Deutschland sondern in Holland. Mehr über seinen Lauf des Lebens könnt ihr in dem Interview weiter unten nachlesen. Ich habe ihn natürlich gefragt, wie man als junger Deutscher mit 18 zu Latin Jazz und Salsa kommt zu einer Zeit, als Neue Deutsche Welle, Punk und 80er-Pop die Musikszene prägten. Und das dann auch noch zu studieren. Sehr lustig: Schuld an allem waren Platten zum Preis von 1,- DM ... wie das Leben so spielt. Mehr im Interview unten ...

Die hier vorgestellte Debüt-CD von Nils Fischer ist - wie der Titel schon sagt - einem seiner Idole gewidmet: Dem 1931 in New York geborenen Joe Cuba - auch ein Conguero wie Nils.Joe Cuba's richtiger Name ist Gilberto Calderon. Ein Konzertveranstalter war in den 50ern der Meinung, dass sich dieser Name nicht verkaufen lässt. Aus dem Gilberto wurde Joe und weil die Musik afrokubanisch klang, nahm er Cuba :-). Aber Freunde nannten ihn eigentlich nur Sonny. 3 Namen - ein Genie! Das Besondere an Joe Cuba's Musik und Band war die Besetzung: Es war 'nur' ein Sextet (später 7 - der Name blieb aber) zu einer Zeit, als die Mambo-Big Bands angesagt waren. Unter den Bandmitgliedern waren allerdings so klangvolle Namen wie Jimmy Sabater (Timbales) oder Cheo Feliciano (vocal). Und im Unterschied zu den Mambo-Big-Bands kam das Joe Cuba Sextet ganz ohne Bläser aus. Das war gewagt (ebenso wie die vielen abgefahrenen Breaks in ihrer Musik)! Aber sie hatten etwas, was die Bläser quasi wettmachte und den Zuhörer vergessen liess, das da eigentlich was fehlte: Die Vibes! Damit setzten sie Masstäbe und waren Vorbild z.B. für das New Swing Sextet (in den 60ern gegründet) oder solcher modernen Bands wie z.B. der hier schon besprochenen Grupo Latin Vibe. Joe Cuba selbst freute sich, wie er mit so kleiner Besetzung die damaligen Dancefloors 'rockte' ( "Man, it was really fun to knock out all those audiences night after night with just a small band." )

Und natürlich war Joe Cuba auch ein Vorbild für Nils. Trotzdem ist die CD Gracias Joe Cuba nun alles andere, als ein Nachspielen der alten Hits. Auch dazu könnt Ihr in dem Interview unten Einiges lesen (Ist immer interessanter, es aus erster Quelle zu erfahren.)

Ich würde sogar behaupten, dass fast mehr Nils Fischer in der CD steckt als Joe Cuba. Es ist alles sehr jazzig aber auch ein bisschen Timba lässt sich manchmal entdecken. Einen Sänger, wie Cheo Feliciano kann man schwer toppen - also macht man es ganz ganz anders! Der Cubaner Fabian Nodarse'Huracan' sorgt mit seiner Stimme für typisches Cuba-Feeling - diesmal bezogen auf die Insel.

Auch die Arrangements sind völlig neu. Nils wollte nicht auf Bläser verzichten - aber auch nicht auf das Vibrafon. Nun gibt es Beides und das muss man erst mal arrangieren. Wobei die Bläser doch dominieren - das Vibrafon hört man sehr dezent - in manchen Liedern gar nicht , wie in meinem Favoriten dieser CD: Bochinchosa - eine richtig abgefahrene Dance-Floor Nummer. Hier sorgt das Piano für die richtigen Riffs - auch die Posaunen dominieren. Der grosse Auftritt der Vibes kommt für mich in dem sehr schönen Lo Bueno Ya Viene. Das rockt!

Unter allem liegt eine unglaublich akzentuierte Rhythmus-Sektion - angeführt natürlich vom Chef an den Congas. Aber auch die Liste der Musiker, die auf dieser CD mitwirken, hat Glamour-Faktor: Brian Lynch - Trompeter von Eddie Palmieri, Ex Issac Delgado Bassist Alain Perez (der auch mitarragiert hat ) oder die ebenfalls in Holland lebenden Gerardo Rosales (Percussion - Venezuela), Alberto Caicedo (vocals - Kolumbien) und der Timbalero José Pepe Espinosa ( Cuba u.a. Bamboleo, Issac ) um nur einige zu nennen. Sehr grossen Anteil am Gelingen dieser CD hatte ein weiterer Deutscher - der Pianist und Arrangeur Marc Bischoff aus Hannover ( der ebenfalls im Salsa-Paradies Rotterdam lebt ).

Mit 17 Titeln ist die CD reichlich bestückt - nicht alles sind Tanznummern - so ist z.B.aus Llegue ( bei Joe Cuba noch klar von der Clave dominiert und einfach zu tanzen ) ein sehr reinrassiges Latin Jazz Stück geworden. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg. Das bei Joe Cuba praktisch untanzbare Cachondea ( viel zu schnell für Otto-Normaltänzer ) wird hier in einer recht ansprechenden Geschwindigkeit gereicht. Nicht allerdings ohne die Perkussion - Power des Originals - eher noch mehr. Suuper!

Viele Stücke sind auch zusammengefasst zu insgesamt 3 Medleys. Schade finde ich, dass eines meiner Joe Cuba-Lieblingsstücke Yo Vine Pa' Ver im Radio-Edit nur angespielt wird (1:19 min). Zumal die Nils Fischer -Version das Zeug für einen echten Dancefloor-Hit hätte...

Der Genuss beim Hören steigert sich ungemein, wenn man sich die Originalstücke mal direkt vorher anhört. Nils Fischer liefert eine sehr moderne, toll arrangierte und perfekt aufgenommene Interpretation der alten Klassiker, die viel Spass bereitet. Und zwar auch dem noch lebenden Joe Cuba! Der auf der Rückseite des CD-Covers in einem kurzem Gruss begeistert von den Neu-Interpretationen Nils Fischers schwärmt.


Und hier das Interview mit Nils:

Michael: Nils, Du wurdest in Bremen geboren - Deinem Lebenslauf kann man entnehmen, dass Du schon mit 18 zum Latin Jazz gekommen bist und mit 20 hast Du diese Musik schon in Cuba studiert. Kannst Du kurz erzählen wie Du als 'Nordlicht' in so jungen Jahren zur Latin-Musik gefunden hast.

Nils:In meiner Familie haben alle ein Instrument gespielt, und so habe ich als Teenager jede Menge Instrumente ausprobiert, Piano, Gitarre, Flöte, sogar Posaune...aber es hat irgendwie nicht richtig gezündet. Meine Schwester brachte eines Tages eine Schallplatte von Paquito D'Rivera [Conguero: Daniel Ponce] mit nach Hause. Da hörte ich zum ersten Mal, wie Congas "echt" klingen, und ich dachte: DAS will ich! Ich habe dann jeden Tag wie ein Verrückter versucht , mit der Platte mitzuspielen.

Mit den Congas konnte dann ich schon nach kurzer Zeit in einer Band einsteigen [warscheinlich war es grauenhaft schlecht...] - ich war jedenfalls begeistert. Das Zusammenspiel mit anderen Musikern war es, was mich gleich gepackt hat. Ich ging zu vielen Konzerten, wie zum Beispiel Tito Puente, Irakere, Kip Hanrahan, Ruben Blades und versuchte mir immer etwas abzugucken. Die Basics habe ich dann richtig gelernt von John Santos, der in den späten 80ern oft in Deutschland war. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Als ich dann mit der Schule fertig war, ging ich für zwei Monate nach Cuba, und das war so eine Art "Gehirnwäsche" für mich. Ich kam völlig begeistert zurück.

Wie bist Du letztendlich in Holland gelandet?

Von Freunden hörte ich, das es die Möglichkeit gibt, offiziell Latin Percussion zu studieren, und zwar in Rotterdam. Das habe ich dann einfach ausprobiert und ich bin dann nach fünf Jahren Studium einfach hier in Holland geblieben. Mittlerweile sind es 15 Jahre geworden! Hier hatte ich schon während des Studiums gut zu tun. Seit 1993 spiele ich mit "Nueva Manteca", seit 1995 mit "The Cubop City Bigband", seit 2001 mit "Drums United" . Mit diesen und anderen Gruppen habe ich das fantastische Glück, international zu touren, Cd's aufzunehmen und ab und zu mit berühmten Musikern aufzutreten. Wäre nicht schlau hier weg zu gehen...außerdem bin ich seit einigen Jahren selbst Dozent an der Musikhochschule von Rotterdam, Codarts.

Deine erste eigene CD hast Du dem Conguero Joe Cuba gewidmet. Wieso er? Was fasziniert Dich so an ihm?

Als die Cds in den 80ern aufkamen und die Platten ablösten, wurden im Plattenladen bei mir um die Ecke fast alle Lp's für DM 1,- verkauft, allen voran die Ladenhüter = Latinplatten. Ich kaufte gleich alle und kam mit ca. 100 Platten nach Hause.
Darunter waren viele Fania Sachen, Palmieri, Ray Barretto und eben auch Joe Cuba. Die fand ich Klasse, ich mochte diesen Vibraphon-Sound und die für mich damals etwas kitschigen Vocals, aber vor allem die knallharte Percussion mitten ins Gesicht, haha! Später ist mir dann aufgegangen was für ein unglaublicher Sänger Cheo Feliciano ist und das er sehr wichtig für den Erfolg der Band war. Ich versuchte auch herauszufinden wie die zahlreichen Breaks funktionieren.
Zurückblickend würde ich sagen, das die Musik vom Joe Cuba sehr, sehr frisch und energiegeladen ist. Es machte ihnen nicht soviel aus das sie keine Virtuosen waren, und kleine Fehler waren auch kein Problem, Hauptsache war immer, daß es swingt wie verrückt!!!

Wie würdest Du Deine Interpretation seiner Musik beschreiben - was war Dir wichtig, als Du die CD produziert hast?

Ich wollte nicht einen von diesen Tributes machen wo einfach das Original nachgespielt wird, nach dem Motto: "La música de ayer con el sonido de hoy!" Das finde ich so überflüssig, dann höre ich mir lieber die Originalplatten an...
Es macht natürlich schon sehr viel Spaß, nachzuspielen was man schon so oft gehört hat und so seine eigenen Helden nachzumachen! Kommerziell gesehen ist das auch interessant, weil der Latinmarkt sehr konservativ ist. Ralph Irizarry sagte hierzu: " It's allmost impossible to win against the ghosts from the past like the Lavoe's, Maelo's, Celia's etc....."
Aber ich selbst wollte bei allem Respekt vor dem Original so spielen wie es mir gefällt.
Salsa hat sich mit den Jahren vor allem in Cuba enorm weiterentwickelt. Verstehe mich nicht falsch, der Swing der cubanischen Musik wird glaube ich immer der gleiche bleiben, aber die Art wie man all die Instrumente spielt, ist heutzutage wirklich anders. Man hat jetzt [innerhalb des Konzepts] mehr musikalische Freiheit als in den 60ern. Mir gefällt "Old School" wie Willie Colón, Gran Combo oder Palmieri, aber auch moderne Musik von La Charanga Habanera, Issac Delgado oder Irakere. Ich fragte mich auch, wie das Repertoire mit Bläsern klingt, aber ich wollte nicht auf die Vibes verzichten, dann einfach beides. Mein Auftrag an die Arrangeure war also all dies zu berücksichtigen... Im Studio liess ich eigentlich alle Musiker so spielen wie sie wollten, ich finde die Spontänität und Kommunikation sehr wichtig in der Musik. Nur ab und zu lenkte ich ein, ich wollte unbedingt, daß der erste Pregón auf der Cd [bei Ariñañara] Joe Cuba gewidmet ist.

Wie kam es zu den 3 Medleys - Wäre es nicht besser gewesen die Stücke einzeln und dafür länger zu präsentieren ( wie Cachondea )?

Wie du weisst, sind die Originale von Joe Cuba eher kurz. Daher hatte ich die Idee, drei Medleys zu machen: Ein Chacha- , ein Son Montuno- und ein Guaracha Medley. Wenn meine Versionen länger und einzeln wären, hätte ich weniger Stücke bringen können...dachte ich. Später dann die Idee, die Stücke doch noch einzeln als Radio-Edits hinten dran zu hängen. Und tatsächlich werden die jetzt in den USA am meisten im Radio gespielt...die Kürze gefällt denen anscheinend.

War es schwer, ein Plattenlabel zu finden? In letzter Zeit berichten mir immer mehr Musiker von enormen Schwierigkeiten. Wie kam es dann doch zum Happy-End ( der CD-Produktion )?

Wenn du hier wärest, könntest du sehen wie ich in Tränen ausbreche...Die Labels haben alle Angst, zu investieren, wenn es nicht ein bekannter Künstler mit Erfolgsgarantie ist. Momentan verwirklichen die meisten Musiker ihre Projekte auf eigen Kosten, so auch ich. Ich hatte allerdings das große Glück, daß ich offizielle Unterstützung vom holländischem Staat bekam für den Trip nach Florida um mit Jon Fausty - das ist der legendäre Sound-techniker, der fast alle Platten aufgenommen hat, die ich damals in den 80ern gekauft hatte - zu mixen und zu mastern.
Später kann man dann probieren, das fertige Produkt anzubieten. Walboomers Latina in Amsterdam war gleich total begeistert von den Aufnahmen, wir haben einen akzeptablen Deal und sie haben mir gleich schonmal 4 Millionen Anzahlung geboten [Scherz, haha]...


Gibt es schon Plaene fuer eine nächste CD?

Ja, in der Tat, aber das ist noch geheim! Allerdings wird es keine Hommage [diesen Jugendtraum habe ich mir jetzt erfüllt], ich werde dann Neukompositionen aufnehmen. Es wird aber noch dauern, jetzt bin ich erstmal mit der Promotion der Cd und dem organisieren von Auftritten für TIMBAZO beschäftigt. Der Erste ist am 08.12.2007 in Rotterdam, Infos demnächst auf »www.nilsfischer.com !!!

Nils, ich Danke Dir für dieses sehr interessante und aufschlussreiche Interview!

Michael, gern geschehen und vielen vielen Dank für dein Interesse. Es ist für mich eine große Ehre, dass du mich interviewst, es hat mir Spaß gemacht, ¡GRACIAS DJ MICHAEL!

Mehr Infos und Hörproben: »http://www.nilsfischer.com/ - Die CD kaufen: »-->hier







DJ Michael fuer SalsaDE




Nils Fischer & Timbazo - Gracias Joe Cuba