10.06.2005: Toño Rosario im Latin Palace Changó

Frankfurt, 10. Juni 2005

Ein Bericht von Peter Horn für SalsaDE

 

Um halb zehn ist noch kaum jemand im Chango. Beim Eintreten wird der Fotograf vom schwarzgewandeten, kräftigen Einlaßpersonal ermahnt, ja keine leere Tanzfläche abzubilden, aber das ist eine unbegründete Sorge, das hat er gewiß nicht vor.

 

Nach und nach stellen sich mehr Gäste ein, und bald tanzen fröhliche Latinos und (vor allem) -as zu DJ Sukkers Auswahl. Nach und nach wird es immer lustiger, der Fotograf bekommt zu tun, mischt sich mutig ins Gewühl und fragt sich erst viel später, beim ersten Akkuwechsel, wo denn eigentlich die Band bleibt. Und da kommen sie, eine ganz in schwarz gekleidete Gang. Den Star der Truppe bringt man in der Tat dank seines Outfits unschwer mit seinem Spitznamen ?El Cuco" in Verbindung. Wie Toño Rosario eigentlich aussieht, ist eher zu ahnen, dank eines niedlichen gehäkelten Stirnbandes und der übergroßen rosa Brille, die wohl weniger dem Durchblick, aber dafür umso mehr der Stimmung des Abends förderlich ist. Immerhin ist dieser Vogel ein in Latino-Landen seit Jahren ungemein erfolgreicher, routinierter Musiker mit Platin-Status, und zahllose Fans können alle seine Lieder mitsingen. Alsbald recken sich dem Sänger die sehnsüchtig ausgestreckten Arme begeisterter Chicas entgegen, mit dem obligatorischen Kamera-Handy, das der Beweissicherung dient: dabei sein ist alles.

 

Die ersten Töne treffen wie Hammerschläge. Zur Rettung des Trommelfells müssen empfindlichere Ohren mit Papierkügelchen verstopft werden, damit auch hinterher noch zarte Töne eine Chance haben - notwendiger Selbtschutz. Die Mehrheit scheint das nicht als Problem zu sehen und tummelt sich munter und ungeschützt vor den vibrierenden Lautsprechertürmen. Und es wird die ganze Zeit über gepowert - kein Platz für Besinnlichkeit.

 

Es wird ein gelungener Abend, auch wenn der Erfolg der Gruppe für einen nicht so stark involvierten Zuhörer mehr von der Identifikation mit der dominikanischen Landeskultur zu leben scheint als von der musikalischen Substanz. Die überdeutlich und ohne Pause während der zwei langen Sets zum Ausdruck gebrachte, unbeschreibliche Begeisterung der teils von weither angereisten weiblichen Fans ist die eigentlichen Attraktion. Wieder einmal wird sichtbar, wie sehr Entertainer und Publikum aufeinander angewiesen sind, und auch, welchen Unterschied es macht, was das für ein Publikum ist.

 

Die Chica, die mit ihrer Videokamera während des gesamten Auftritts ihre Stellung am linken Bühnenrand hält, mag vielleicht noch erfahren haben, was hinter der Verkleidung steckt: zum Schluß wird sie von Meister Rosario mit einer innigen Umarmung und Küßchen für ihren Einsatz belohnt und verschwindet mit ihm für ein, zwei Minuten in der Garderobe. Was sich danach noch hinter den schwarzen Scheiben der beiden gewaltigen Stretchlimos abgespielt haben mag, sei dem Vorstellungsvermögen überlassen: gegen vier Uhr morgens läßt die Neugier auch eines eifrigen Chronisten nach.

 

Ende eines gelungenen exterritorialen Heimspiels: das Chango ist für eine Nacht Teil der Insel Hispaniola, man konnte jeden Moment genießen, ob Merengue-Liebhaber oder nicht.

 

-ph

 





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